Hand aufs Herz: Gibt es bei euch dieses eine Album, das nicht einfach nur im Hintergrund läuft, sondern den ganzen Raum verändert, sobald die erste Note erklingt?
Für mich ist dieses Album „Body and Soul“ von Joe Jackson.
Es ist 1984 erschienen, aber es fühlt sich für mich vollkommen zeitlos an. Es ist kein Album für den sonnigen Strandtag und auch keines für die Party am Freitagabend. Es ist ein Album für die stillen Momente. Für die Nächte, in denen man wach liegt, oder die Abende, an denen man mit einem Glas Wein dasitzt und das Leben Revue passieren lässt.
Ein audiophiles Wunderwerk (oder: Magie in einer Loge)
Bevor ich über die Gefühle spreche, muss ich kurz über den Klang reden. Denn der ist der eigentliche Schlüssel, warum dieses Album so tief trifft.
In den 80ern wurde Musik oft totproduziert – alles wurde isoliert, mit Effekten überladen und steril gemacht. Joe Jackson hat genau das Gegenteil getan. Er ist mit seiner Band in eine alte Freimaurer-Loge in New York marschiert (die Vanguard Studios). Ein riesiger Raum aus Stein und Holz.
Und der Wahnsinn dabei: Sie haben fast alles live eingespielt. Keine Trennwände. Keine Kopfhörer für die Musiker. Sie haben sich einfach nur gegenseitig zugehört. Die Mikrofone fingen nicht nur die Instrumente ein, sondern den Raum. Das nennt man „Leckage“ – wenn das Schlagzeug auch über das Klavier-Mikro zu hören ist. Normalerweise ist das ein Albtraum für Tontechniker. Hier ist es pure Magie.
Wenn ihr die Augen schließt, ist der Sound fast holographisch.
- Das Schlagzeug knallt so trocken und echt, dass man zusammenzuckt.
- Man hört das Atmen des Raumes, das Ausklingen der Becken in der hintersten Ecke der Halle.
- Es klingt nicht wie eine Konserve. Es klingt, als stünde die Band jetzt gerade zwei Meter vor dir im Wohnzimmer.
Diese ungeschminkte, rohe akustische Wahrheit reißt jede Mauer ein, die man um sich herum aufgebaut hat. Es gibt keinen Filter zwischen Joes Stimme und deinem Herzen.
Weitere Lobeshymnen zum Sound:
Der „Heilige Gral“ des Klangs
In Hi-Fi-Kreisen ist dieses Album fast heilig. Es wird oft als Testplatte für teure Stereoanlagen verwendet.
Der Konsens: Die Aufnahme in der Masonic Lodge (Freimaurerloge) in New York statt in einem gedämmten Studio wird in fast allen technischen Reviews als Geniestreich bezeichnet.
SoundStage! Access: Der Rezensent beschreibt Jacksons Stimme als „holographisch“ und so unmittelbar, als stünde er im Hörraum. Besonders die Neuauflagen (Vinyl Reissues von Intervention Records) werden gelobt, weil sie die Dynamik der originalen Digitalaufnahme (es war eine frühe Digitalaufnahme auf 3M-Maschinen) perfekt einfangen.
LowBeats: Lobte die „volle, dreidimensionale Raumabbildung“. Man hört nicht nur die Instrumente, sondern den Raum um sie herum. Das Klavier bei „Loisaida“ habe „wundervolle Obertöne“, die in normalen Studios oft geschluckt werden.
Der Moment, in dem die Dämme brechen
Ich gebe es offen zu: Es gibt Songs auf dieser Platte, die mir heute noch, nach all den Jahren, die Tränen in die Augen treiben.
Nehmen wir „Be My Number Two“. Auf den ersten Blick eine einfache Ballade. Aber durch diesen intimen Sound wirkt es, als säße Joe direkt neben dir am Klavier. Wenn er singt „Won’t you be my number two…“, dann ist das so unfassbar ehrlich und verletzlich. Es geht nicht um die perfekte erste Liebe, die man in Hollywood-Filmen sieht. Es geht um die zweite Chance. Darum, dass man schon Narben hat, dass man schon mal gescheitert ist, und trotzdem den Mut aufbringt, es noch einmal zu versuchen.
Oder das instrumentale „Loisaida“. Da wird kein einziges Wort gesungen, und trotzdem erzählen das Saxophon und die Trompete eine Geschichte von Melancholie und Sehnsucht, die mich jedes Mal völlig fertig macht – im besten Sinne. Der Klang des Klaviers ist hier so reich und voll, man meint fast, die Hämmer auf die Saiten schlagen zu sehen.
Und erst der Abräumer „You Can’t Get What You Want“…
Gänsehaut pur, jedes verdammte mal wenn ich das Album höre.
Ein Freund in Vinyl-Form
„Body and Soul“ ist für mich wie ein alter Freund, der genau weiß, wann man schweigen muss und wann man Trost braucht. Es ist Musik, die einen nicht anschreit, sondern die einen in den Arm nimmt.
Es ist eine Erinnerung daran, dass es okay ist, verletzlich zu sein. Dass in der Traurigkeit eine unglaubliche Schönheit liegen kann. Und dass Musik, wenn sie ehrlich gemacht ist, direkt in die Seele („Soul“) geht und den Körper („Body“) erzittern lässt.
Falls ihr das Album lange nicht gehört habt – oder vielleicht noch nie: Nehmt euch heute Abend eine Stunde Zeit. Macht das Licht dunkel. Und hört einfach nur zu.
Danke, Joe, für dieses Meisterwerk.